PETER VON KANT

Kinostart 22. September 2022

François ❤️ Rainer Werner. Nach der kongenialen Verfilmung des Fassbinder-Theaterstücks „Tropfen auf heiße Steine“ (2000) feierte in diesem Jahr Ozons Interpretation des 1972 entstandenen Films „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ Premiere bei der Berlinale.

Peter von Kant ist ein erfolgreicher Filmregisseur und ein echtes Scheusal. Seinen stummen Diener und Assistenten Karl behandelt er wie Dreck. Eines Tages lernt er den jungen Amir kennen. Peter verliebt sich unsterblich in den sexy 24-Jährigen. Er will Amir eine Karriere im Filmgeschäft ermöglichen, lädt ihn ein, bei sich zu wohnen. Neun Monate später ist aus dem schüchternen Jungen ein manipulativer, launischer Star geworden, der sich bald darauf von Peter trennt. Der Regisseur leidet.

„Peter von Kant“ ist ein echter Ozon – stilsicher, artifiziell und ungewöhnlich. Anders als in Fassbinders Film ist hier die Titelrolle männlich besetzt. Das beschert der Geschichte vom cholerischen Filmregisseur eine neue Ebene, denn Peter von Kant ist ganz offensichtlich dem echten Fassbinder nachempfunden. Hanna Schygulla, die auch im Original mitspielt, hat hier einen Gastauftritt als Mutter des Regisseurs. Die Titelrolle ist mit Denis Ménochet besetzt, der bereits zweimal für Ozon vor der Kamera stand.

Dramatisches Theater: François Ozon hat ein etwas zu wortreiches (weniger euphemistisch: geschwätziges), aber ausgezeichnet gespieltes Kammerspiel inszeniert.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Peter von Kant“
Frankreich 2021
84 min
Regie François Ozon

alle Bilder © MFA+ FilmDistribution

MEINE STUNDEN MIT LEO

Kinostart 14. Juli 2022

Peter Rühmkorf dichtete 1971 auf der legendären Kinderplatte Warum ist die Banane krumm?: „Licht aus, Licht aus, Mutter zieht sich nackend aus, Vater holt den Dicken raus, einmal rein, einmal raus, fertig ist der kleine Klaus.“ Das dürfte Nancy Stokes unangenehm bekannt vorkommen. Die Lehrerin im Ruhestand hatte mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann nur stinklangweiligen Blümchensex. Einen Orgasmus hatte sie dabei nie. Beziehungsweise hatte sie überhaupt noch nie einen. Das soll sich jetzt mithilfe des jungen Sexarbeiters Leo Grande ändern.

Sophie Hydes Film schafft mit Leichtigkeit, was Karoline Herfurth kürzlich mit ihrem Klischeefest „Wunderschön“ versucht hat: eine lockere und gleichzeitig ernste Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit und missverstandenem Beautywahn.

Applaus für die Darsteller: Daryl McCormack spielt den niedlichen Stricher mit viel lässigem Charme und die sowieso immer grandiose Emma Thompson präsentiert sich am Ende des Films selbstbewusst ganz ohne Filter full frontal. Lustig, sexy und erfrischend unverkrampft: Ein durchweg befriedigender Film.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Good luck to you, Leo Grande“
GB 2022
97 min
Regie Sophie Hyde

alle Bilder © Wild Bunch Germany

RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH

Kinostart 28. April 2022

Wer oder was ist Rabiye Kurnaz? Rabiye Kurnaz ist eine Frau aus Bremen, für die das Adjektiv „patent“ erfunden wurde. Außerdem hat sie ganz nebenbei die Vereinigten Staaten von Amerika vor dem obersten Gerichtshof der USA verklagt. Auf diesem Weg wollte sie die Freilassung ihres Sohns aus Guantánamo erreichen. Nach den Anschlägen von 9/11 und der damaligen politischen Stimmung im Land ein eigentlich aussichtsloses Unterfangen.

Eine wahre  Geschichte: Murat Kurnaz wurde ohne Anklage 5 Jahre lang in dem berüchtigten Gefangenenlager auf Kuba festgehalten. Dass er entlassen wurde, hat er seiner Mutter und dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke zu verdanken. Der mahnt bis heute, dass sich die damals politisch Verantwortlichen von der rot-grünen Bundesregierung nie für ihre Versäumnisse entschuldigt oder Murat gar eine Entschädigung gezahlt haben.

Kann man ein so schweres Thema in eine Komödie verpacken? Andreas Dresen erzählt seine dramatische Geschichte unterhaltsam leicht, zwischendurch rutscht er gefährlich nah an harmlosen Ulk. Das sei so gewollt, sagt der Regisseur, denn der Film erzähle schließlich aus der Perspektive der Mutter. Und die hat im wahren Leben eben einen ausgeprägten Sinn für Humor.

Alexander Scheer stand zuletzt als „Gundermann“ für Dresen vor der Kamera. In „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ überzeugt das Chamäleon unter Deutschlands Schauspielern nun erneut als unangepasster, sehr norddeutscher Menschenrechtsanwalt. Das wahre Ereignis und liebenswerter Mittelpunkt des Films ist Meltem Kaptan. Die Kölner Komödiantin und Moderatorin geht mit viel Herz und emotionaler Intelligenz in ihrer Rolle als Muttertier auf. Dafür gab es in diesem Jahr einen  Silbernen Bären bei der Berlinale.

INFOS ZUM FILM

Deutschland / Frankreich 2022
119 min
Regie Andreas Dresen

alle Bilder © Pandora Film

BERLINALE 2022 – FINALE

BERLINALE 2022 – FINALE

WETTBEWERB

LEONORA ADDIO

2/5

Da geht man ins Kino, weiß nichts über das, was man gleich zu sehen bekommt und denkt nach kurzer Zeit: Das wirkt wie ein Film von einem sehr alten Mann gemacht. Und siehe da: Regisseur Paolo Taviani zählt schon 90 Jahre. Aber schützt Alter vor Kritik?

„Leonora Addio“ erzählt zwei Geschichten: Die erste handelt von Luigi Pirandellos Asche und ihrer Reise. Der berühmte Schriftsteller wurde 1936 in Rom kremiert und beigesetzt. Entgegen seinem letzten Willen, denn lieber wollte er in „einem rohen Felsen“ auf Sizilien seine letzte Ruhe finden. Und so beginnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die abenteuerliche Fahrt einer Urne quer durch Italien. „Leonora Addio“ ist schon fast vorbei, da folgt noch die Verfilmung von Pirandellos Kurzgeschichte Il chiodo (dt.: „Der Nagel“). Darin tötet ein italienischer Junge in New York ein kleines Mädchen mit einem Nagel.

„Leonora Addio“ ist ein überinszenierter, in Kunst erstarrter Film. Die Schauspieler scheinen vom Regisseur jeden Lidschlag vorgeschrieben bekommen zu haben, so unnatürlich steif wirkt das oft. Der Wettbewerbsbeitrag sieht gut aus, aber seine beiden Geschichten sind enttäuschend schwach. Was das alles soll, erschließt sich bis zum Ende nicht.

Italien 2021
90 min
Regie Paolo Taviani

WETTBEWERB

THE NOVELIST'S FILM

2.5/5

Zufallsbegegnungen – der Film. Die Schriftstellerin Jun-hee besucht die Buchhandlung einer früheren Freundin, zu der sie den Kontakt verloren hatte. Bei einem Ausflug trifft sie einen Filmregisseur, der einmal eines ihrer Bücher verfilmen wollte. Später lernt sie bei einem Spaziergang im Park eine berühmte Schauspielerin kennen und schlägt ihr ein gemeinsames Kurzfilmprojekt vor. Nach einem Mittagessen kehren Jun-hee und die Schauspielerin in den Buchladen zurück. Oder wie es einer der Protagonisten sagt: „Eine Geschichte ohne Story ist keine Geschichte“

So spannend wie das klingt, ist es auch. Es passiert nicht viel in „The Novelist’s Film“. Hong Sang-soos Inszenierungsstil könnte man als „spontan“ bezeichnen, der Film wirkt wie beiläufig mitgedreht. In sehr langen Einstellungen wird sehr viel geredet. Manchmal ist das sogar einigermaßen amüsant. Nach zwei Silbernen Bären (2020 „The Woman Who Ran“ und 2021 „Introduction“) ist der neue Film des koreanischen Regisseurs eher eine federleichte Fingerübung.

Originaltitel „So-seol-ga-ui yeong-hwa“
Republik Korea 2021
92 min
Regie Hong Sang-soo

DIE GEWINNER 2022

BERLINALE 2022 – TAG 5

BERLINALE 2022 – TAG 5

Nach einer kleinen Arbeitsunterbrechung (und wo könnte man die besser verbringen als im wunderschönen Hannover?) gibt es heute und morgen noch einen Nachschlag Berlinale 2022.

WETTBEWERB

DRII WINTER

4/5

Marco ist ein eisteetrinkender Flachländer, Anna eine alleinerziehende Mutter vom Dorf. Dass die beiden zusammenpassen, daran gibt es große Zweifel. Und trotzdem. Marco wird bald der „Daddy“ von Annas Tochter Julia. Ein kleines Familienglück. Doch dann wird bei dem bulligen Stoiker ein Hirntumor diagnostiziert und alles gerät aus den Fugen. 
Was haben ein Alpenfilm aus der Schweiz und eine griechische Tragödie gemeinsam? In beiden wird das Drama von einem Chor kommentiert. Klingt wie ein Fremdkörper, funktioniert aber überraschend gut. „Drii Winter“ wurde mit Laiendarstellern gedreht. Michael Koch nimmt sich für seine atmosphärische Liebesgeschichte in den Bergen reichlich Zeit. Mit 136 Minuten etwas zu lang geraten und zwischendurch auch recht schweizerisch gemächlich erzählt. Einen Bären bekam der Kritikerfavorit nicht, aber immerhin eine „lobende Erwähnung“ der Jury.

Originaltitel „Drii Winter“
Schweiz / Deutschland 2022
136 min
Regie Michael Koch

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ONE YEAR, ONE NIGHT

3.5/5

Der Morgen des 14. Novembers 2015: Ramón Gonzalez bekommt keine Luft, hat Panikattacken. Etwas Schreckliches ist am Abend zuvor passiert: Er und seine Freundin Céline waren im Bataclan und haben nur mit großem Glück den Terroranschlag überlebt.
„Un año, una noche“ erzählt, wie Ramón und Céline nach dem Blutbad versuchen, zurück ins „normale“ Leben zu finden. Geht das überhaupt? Während sich Céline wieder in ihren Alltag stürzt, steckt Ramón in der Vergangenheit fest.
Der bewegende, intime Film von Isaki Lacuesta ist eine bittersüße Meditation über die Auswirkungen eines Traumas und den Wunsch, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Originaltitel „Un año, una noche“
Spanien / Frankreich 2021
130 min
Regie Isaki Lacuesta

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

ECHO

1.5/5

Das käme wohl dabei heraus, wenn der Volkshochschulkurs Video einen Piloten für das ARD-Regionalprogramm drehen würde. Die durch ein Bombenattentat in Afghanistan traumatisierte Polizistin Saskia Harder wird in die friedländische Provinz versetzt. Dort nimmt sie die Ermittlungen um die Identität einer Moorleiche auf…
Der Inhalt liest sich weitaus interessanter, als es das Ergebnis ist: Unbeholfen und unfreiwillig komisch.

Deutschland 2022
98 min
Regie Mareike Wegener

BERLINALE 2022 – TAG 4

BERLINALE 2022 – TAG 4

Die alte philosophische Frage: Wenn ein Baum im Wald fällt und niemand ist da, um es zu hören, macht der Baum dann ein Geräusch? Oder anders gefragt: Wenn die Berlinale seit ein paar Tagen läuft und fast keiner ist da, findet sie dann trotzdem statt? Selten gab es ein leereres Festival. In den Kinos verteilt es sich vielleicht deshalb so gut, weil die Filme gleichzeitig auf bis zu 9 Screens gezeigt werden. Aber auch draußen ist wenig los. Die Schlangen vor den Testbussen: überschaubar. Der Andrang am Kimchistand: nicht der Rede wert. Die Mall nebenan ist sowieso seit gefühlt 5 Jahren wegen Umbaus geschlossen. Zum Glück hat man vor lauter Ausweise und Testbändchen vorzeigen eh keine Zeit für irgendwas. Also schnell zurück ins Dunkel…

BERLINALE SPECIAL GALA

DER PASSFÄLSCHER

3.5/5

Eine Frage an den künstlerischen Leiter der Berlinale: Lieber Carlo Chatrian, sind Filme, wie zum Beispiel „Beautiful Beings“ oder „Der Passfälscher“ zu gut, um es in den Wettbewerb zu schaffen? Stattdessen mediokre Kost („Call Jane“) oder quälende Kunst („Everything will be ok“). Schon im vergangenen Jahr folgte das Wettbewerbsprogramm mehr dem Kopf und weniger dem Herzen.

Das kann man Cioma Schönhaus dagegen nicht vorhalten: Der junge Mann ist ein wahrer Herzensmensch und läuft mit bester Laune durchs Leben. Obwohl er als Jude in Nazideutschland allen Grund zur Verzweiflung hätte. Vom 3. Reich lässt er sich die Laune nicht verderben. „Der Passfälscher“ erzählt die wahre Geschichte vom – der Titel legt es nahe – Dokumentenfälscher Cioma, der dank seiner Fähigkeiten wiederholt der Gestapo entkommt und gerade noch rechtzeitig den Nazis in die Schweiz entfliehen kann.

Mit ausgezeichneter Besetzung (Luna Wedler, Louis Hofmann und Jonathan Berlin) hat Regisseurin Maggie Peren einen oft vergnüglichen, im besten Sinne leichten Film über Chuzpe und Hoffnung in düsteren Zeiten gedreht. Nicht die Neuerfindung des Kinos, aber sehenswert.

Deutschland / Luxemburg 2022
116 min
Regie Maggie Peren

WETTBEWERB

THE PASSANGERS OF THE NIGHT

3/5

Das können nur die Franzosen: Die große Beiläufigkeit als Film. „Les passagers de la nuit“ ist wie das Leben, Menschen kommen und gehen, es passiert etwas – als geübter Hollywood-Zuschauer erwartet man stets das Schlimmste – doch dann löst sich das Drama wieder ins Nichts. La vie continue.

Paris, 1981. Elisabeth (Charlotte Gainsbourg) wurde von ihrem Ehemann verlassen, sie und ihre Teenager-Kinder müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Mikhaël Hers entwickelt aus seinem sensiblen Blick auf die 1980er-Jahre und die scheinbar alltäglichen Momente des Familienlebens eine Art cineastisches Tagebuch. Die Passagiere der Nacht verlangen zu Anfang ein wenig Geduld, doch man sollte sich auf den Rhythmus des poetischen Films einlassen, es lohnt sich.

Originaltitel „Les passagers de la nuit“
Frankreichn 2022
111 min
Regie Mikhaël Hers

WETTBEWERB

A E I O U - DAS SCHNELLE ALPHABET DER LIEBE

1.5/5

Die 60-jährige Schauspielerin Anna verliebt sich in ihren 17-jährigen Schüler Adrian. „Die Reifeprüfung“ lässt grüßen.

Niemand kann rational beweisen, dass ein bestimmtes Geschmacksempfinden das richtige ist: Dem einen gefällt Helene Fischer, der andere mag Toast Hawaii. Auf die Qualität des deutschen Wettbewerbsbeitrags „A E I O U“ kann man sich hingegen problemlos einigen: Der ist einfach schlecht, keine Frage. Oder? Abgesehen von einem wirren Drehbuch, das nur eine halbe Handvoll guter Momente hat, war wohl selten ein talentfreierer Jungschauspieler als Milan Herms in einer Hauptrolle zu sehen. Nö, das kann nicht mal Sophie Rois retten. Nach der Premiere gabs trotzdem tosenden Applaus. Vielleicht kann man sich über Geschmack ja doch streiten…

Deutschland / Frankreich 2022
104 min
Regie Nicolette Krebitz

GENERATION 14plus

MILLIE LIES LOW

2.5/5

Du liebe Zeit: Millie nimmt unfassbar viel Mühe auf sich, um zu verhindern, dass irgendwer von ihrer Panikattacke im Flugzeug erfährt. Genau deshalb musste sie kurz vor Start von Bord gehen. Aber statt Freunde und Familie zu informieren, sitzt sie nun mittel- und obdachlos in ihrer Heimatstadt Wellington fest, obwohl sie doch eigentlich auf dem Weg nach New York zu ihrem Edel-Praktikum sein sollte.

Regisseurin Michelle Savill erzählt in ihrem Debütfilm eine aberwitzige Geschichte, die bei genauerer Betrachtung ganz schön konstruiert wirkt. Warum Millie überhaupt lügt, erschließt sich auch nach 100 Minuten nicht. Natürlich ist der Wunsch nachvollziehbar, heimlich das eigene Leben zu besuchen und zuzuhören, was die anderen über einen lästern, kaum dass man (vermeintlich) weg ist. Aber diese Drehbuchidee taugt inhaltlich eher für einen Kurzfilm.

Neuseeland 2021
100 min
Regie Michelle Savill

BERLINALE 2022 – TAG 3

BERLINALE 2022 – TAG 3

Die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth ist sauer auf Corona: „Wir dürfen nicht zulassen, dass die Pandemie unsere vielfältige Kultur kaputt macht!“ Blöder Virus, unsere schöne Kultur! Voll gemein. Eine Berlinale als Präsenzveranstaltung ist nicht unumstritten, denn dem Virus ist die Meinung einer Politikerin in der Regel egal. Daher ein Danke an die Veranstalter: das ist bis auf die anfangs holprige Sitzplatz-Zuteilung schon alles sehr gut organisiert und die halbleeren (oder halbvollen?) Kinos mit Maskenpflicht geben ein einigermaßen sicheres Gefühl. Sollte uns die Pandemie noch weiter erhalten bleiben, könnte man bei der neunten Welle im nächsten Jahr vielleicht über eine zusätzliche Online-Sichtung nachdenken, das würde die Besucherströme weiter entzerren.

Me talk pretty one day: Hier zur Erheiterung ein Auszug aus der Gewinnerliste 2021:

Babardeală cu bucluc sau porno balamuc
Guzen to sozo
Természetes fény
Rengeteg – mindenhol látlak
Inteurodeoksyeon

Echter Leserservice: in diesem Jahr gibt es die englischen Verleihtitel in der Überschrift.

WETTBEWERB

RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH

3.5/5

Wer oder was ist Rabiye Kurnaz? Rabiye Kurnaz ist eine Frau aus Bremen, die vor dem obersten Gerichtshof der USA die Vereinigten Staaten von Amerika verklagt hat. Sie wollte damit ihren Sohn aus Guantánamo befreien. Nach den Anschlägen von 9/11 und der damaligen politischen Stimmung im Land ein eigentlich aussichtsloses Unterfangen.

Eine wahre  Geschichte: Murat Kurnaz wurde ohne Anklage 5 Jahre lang in dem berüchtigten Gefangenenlager auf Kuba festgehalten. Dass er entlassen wurde, hat er seiner Mutter und vor allem dem Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke zu verdanken. Der mahnt bis heute an, dass sich die damals politisch Verantwortlichen von der rot-grünen Bundesregierung nie für ihre Versäumnisse entschuldigt oder Murat gar eine Entschädigung gezahlt haben.

Kann man ein so schweres Thema in eine Komödie verpacken? Zwischendurch setzt Regisseur Andreas Dresen zu sehr auf harmlosen Ulk. Das sei gewollt, denn der Film erzähle schließlich aus der Perspektive der Mutter. Und die scheint im wahren Leben einen ausgeprägten Sinn für Humor zu haben. Alexander Scheer stand zuletzt in „Gundermann“ für den Regisseur vor der Kamera. In „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ glänzt das Chamäleon unter Deutschlands Schauspielern nun als norddeutscher Menschenrechtsanwalt Docke (kurzer Phrasencheck: warum „glänzen“ Schauspieler eigentlich immer? Sind doch keine frisch geputzten Silberlöffel). Die Kölner Komödiantin und Moderatorin Meltem Kaptan geht mit viel Herz und emotionaler Intelligenz in ihrer Rolle als Muttertier auf. Gerüchteweise wird sie schon als Silberner-Bär-Kandidatin gehandelt…

Deutschland / Frankreich 2022
119 min
Regie Andreas Dresen

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CALL JANE

2.5/5

Joy ist schwanger. Doch etwas stimmt nicht. Immer wieder wird ihr schwindlig, verliert sie das Bewusstsein. Der Arzt rät zu einem Schwangerschaftsabbruch, da sonst Lebensgefahr bestehe. Das Problem: Ende der 60er-Jahre waren Abtreibungen in den USA verboten und der rein männlich besetzte Klinikvorstand lehnt den Eingriff ab. Die Lage scheint aussichtslos, bis Joy auf eine illegale Gruppe trifft, die Frauen dabei hilft, ungewollte Schwangerschaften zu beenden. Joy befreundet sich mit den „Janes“ und bietet sogar tatkräftige Unterstützung an.

Phyllis Nagy, die schon das Drehbuch zu Todd Haynes „Carol“ geschrieben hat, interessiert sich in ihrem Langfilm-Regiedebüt überraschend wenig für die aufkommende Frauen- und Hippiebewegung in den USA. Ihr – trotz des Themas – erstaunlich konventioneller Film fokussiert sich hauptsächlich auf die Frage: Finden Joys Ehemann und Tochter heraus, dass sich Mutti mit gesetzlosen neuen Freundinnen umgibt? „Call Jane“ ist solide gemachte, gut gespielte, aber letztendlich biedere US-Ware. Im Wettbewerb? Really?

USA 2022
121 min
Regie Phyllis Nagy

WETTBEWERB

RETURN TO DUST

2.5/5

So, jetzt beruhigen wir uns alle erst mal. Einatmen, ausatmen – ruuuuuhig. Jede Berlinale hat ihren Ooom-Film: 2022 heißt der „Yin Ru Chen Yan“

Die behinderte, inkontinente Guiying und der Bauer Ma werden in einer arrangierten Ehe zusammengeführt. Nach und nach finden sie ein gemeinsames Glück. Zur trauten Zweisamkeit gehört ein Haus. Und das bauen sie selbst. Und zwar komplett selbst: sie flechten die Dachabdeckung, mischen den Lehm für die handgemachten Ziegel, trocknen die Ziegel unter der Sonne, transportieren den Mörtel mithilfe ihres treuen Esels … und so weiter. Zeit spielt in Li Ruijuns 131-Minuten-Film nur eine untergeordnete Rolle.

Eine cineastische Entschleuinigung, die ganz nebenbei, ohne erhobenen Zeigefinger ernste Themen berührt.

Originaltitel „Yin Ru Chen Yan“
Volksrepublik China 2022
131 min
Regie Li Ruijun

GENERATION 14plus

GIRL PICTURE

4/5

Aus Finnland, dem Land mit der lustigen Sprache (Originaltitel: Tytöt tytöt tytöt), kommen oft erstaunlich gute Filme. So auch diese kleine Perle, die im Generation 14plus-Programm versteckt wird. Die wilde Mimmi verliebt sich in die schöne Eiskunstläuferin Emma. Und Rönkkö macht sich mit verschiedenen Jungs auf die Suche nach ihrem G-Punkt.
Unverkrampft erzählte Coming-of-Age-Geschichte über Freundschaft, Sex und Liebe. Kiva elokuva.

Originaltitel „Tytöt tytöt tytöt“
Finnland 2022
101 min
Regie Alli Haapasalo

BERLINALE 2022 – TAG 2

BERLINALE 2022 – TAG 2

Ach nö! Der perfekte Plan geht doch nicht auf. Für die Pressescreenings braucht es neben Boosterimpfung einen negativen Coronatest. Da die erste Vorstellung bereits zu unmenschlich früher Stunde stattfindet (9 Uhr!!), entstand die geniale Idee, sich abends, NACH dem letzten Film, also um 23 Uhr testen zu lassen, um dann am nächsten Morgen mit Negativbescheid ins Kino zu spazieren. Vorbei, denn ab sofort gilt: Es muss ein tagesaktueller Test vorliegen. 🙄 Naja, wenn es der Sicherheit dient… 

Nachtrag zum wütenden Aktivisten von gestern: Der hatte heute einen weiteren Auftritt im Berlinale Palast, man solle „der Festivalleitung schreiben und seinen Unmut über die automatisch zugewiesenen Plätze“ kundtun. Doch die Stimmung hat sich gedreht. Buhrufe aus dem Publikum. Eine Journalistin aus Reihe 12 ruft: „Even if they hang us from the ceiling to watch the films, you should be thankful to even be here!“

WETTBEWERB

BOTH SIDES OF THE BLADE

2.5/5

Sara und Jean sind glücklich. Verliebt wie am ersten Tag. Doch eines Tages tritt François in das perfekte Leben der beiden. Sara war früher mit François zusammen, Jean ist sein ehemals bester Freund. Eine komplizierte Verwirrung der Gefühle beginnt.

Szenen einer Ehe die Hundertste. Das komplizierte Beziehungsleben erwachsener Großstädter wurde in der Geschichte des Kinos schon oft erzählt. Claire Denis französisches Drama hat dem nicht viel Neues beizufügen. Sehenswert sind die Streitereien und Liebkosungen dank der fabelhaften Darsteller: Juliette Binoche und Vincent Lindon spielen mit großem Können die ganze Klaviatur der Emotionen.

Oroginaltitel „Avec amour et acharnement“
Frankreich 2021
116 min
Regie Claire Denis

WETTBEWERB

EVERYTHING WILL BE OK

1.5/5

Charlton Heston brauchte seinerzeit noch etwas länger, bis er am Ende vom „Planet der Affen“ begriff, dass er sich die ganze Zeit auf der Erde befunden hatte. In Rithy Panhs Figurenfilm „Everything will be ok“ ist von Anfang an klar: Die Tiere haben die Macht übernommen. Endlich, möchte man sagen. Was kann schon schiefgehen, wenn milde Lämmer und sanfte Schweine die Zukunft der Erde bestimmen? Jede Menge! Denn die Tiere haben in Geschichte nicht aufgepasst und begehen die gleichen Fehler wie die Menschen.

Wo hört Kino auf und wo fängt ein Diavortrag an? „Everything will be ok“ ist (leider) kein Animationsfilm, sondern ein Abschwenken von Szenenbildern bzw. „Dioramen“. Unbewegte Holzfiguren starren auf Bildschirme, die ein Best of menschlicher Gräueltaten zeigen. Ist das nun lazy filmmaking oder eine neue Kunstform? Im Museum würden die erstarrten Figuren die Aufmerksamkeit des Betrachters für ungefähr 5 Minuten halten, im Kino auf 98 Minuten gedehnt ist die Qual groß.

Frankreich / Kambodscha 2021
98 min
Regie Rithy Panh

WETTBEWERB

THE LINE

3/5

Diesmal ist Margaret zu weit gegangen. Nachdem sie ihrer Mutter ins Gesicht geschlagen hat, wird sie zu einem mehrmonatigen Kontaktverbot verurteilt. Der 100-Meter-Bannkreis, von der kleinen Schwester Margarets mit blauer Farbe um das Haus der Mutter gemalt, ist die titelgebende Linie, die nicht überschritten werden darf. Doch der erzwungene Abstand lässt in Margart die Sehnsucht nach ihrer Familie nur wachsen.

Für die Eröffnungsszene, in der eine in Zeitlupe gefilmte Margaret vollkommen außer sich wie ein wildes Tier um sich schlägt und die Einrichtung des mütterlichen Wohnzimmers zerlegt, hat der Film 5 Sterne verdient. Nach und nach deckt Regisseurin Ursula Meier die Schichten der seelischen Grausamkeit auf. Mutter Christina entpuppt sich als egozentrisches Scheusal, labil und infantiler als ihre 12-jährige Tochter. Die Wut der ältesten Tochter Margaret kommt also nicht von ungefähr, doch fällt es schwer, Sympathien zu entwickeln. Denn sowohl die Mutter als auch ihre drei Töchter sind wenig liebenswerte Wesen.
Lustspiel oder Drama? „La ligne“ wechselt immer wieder die Stimmung und springt ohne Vorwarnung zwischen Komödie und Tragödie hin und her. Großartiger als der Film: Valeria Bruni Tedeschi und Stéphanie Blanchoud als in tiefer Hassliebe verbundenes Mutter-Tochter-Gespann.

Originaltitel „La ligne“
Schweiz / Frankreich / Belgien 2022
101 min
Regie Ursula Meier

BERLINALE SPECIAL GALA

GOOD LUCK TO YOU, LEO GRANDE

4/5

Peter Rühmkorf dichtete 1971 auf der legendären Kinderplatte Warum ist die Banane krumm?: „Licht aus, Licht aus, Mutter zieht sich nackend aus, Vater holt den Dicken raus, einmal rein, einmal raus, fertig ist der kleine Klaus.“ Das dürfte Nancy Stokes aus der Seele sprechen. Die Lehrerin im Ruhestand hatte mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann nur stinklangweiligen Blümchensex. Einen Orgasmus hatte sie dabei nie. Beziehungsweise hatte sie überhaupt noch nie einen. Das soll sich jetzt mithilfe des jungen Sexarbeiters Leo Grande ändern.

Manchmal kann der intellektuelle Kunst-Overkill der Berlinale auch anstrengend sein. Wie gut, dass sich in den Nebenprogrammen immer wieder Erfrischungen verstecken, die auch das etwas mainstreamigere Filmherz erfreuen. Sophie Hydes Film schafft mit Leichtigkeit, was Karoline Herfurth gerade mit ihrem Klischeefest „Wunderschön“ versucht hat: eine lockere, komische, berührende und gleichzeitig ernste Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit und missverstandenem Beautywahn.

Applaus für die Darsteller: Daryl McCormack spielt den niedlichen Sexworker mit jeder Menge lässigem Charme und Emma Thompson (sowieso immer gut) präsentiert sich am Ende des Films selbstbewusst ganz ohne Filter full frontal. Ein durchweg befriedigender Film.

GB 2022
97 min
Regie Sophie Hyde

BERLINALE 2022 – TAG 1

BERLINALE 2022 – TAG 1

Dieses Jahr wird das Leben wild und gefährlich, denn die Berlinale findet wieder live in den Kinos statt. Die eigentlich geniale Aufteilung von digitalem Event für die Filmindustrie und Outdoor-Sommerfestspielen für das Publikum war eine einmalige Sache, nun heißt es: geimpft, geboostert, getestet plus Maske und halbe Besetzung: 2G+++.

Noch bevor es richtig losgeht, hat die Berlinale ihr erstes Skandälchen: Das neue System verlangt, auch Presse-Akkreditierte müssen sich vorher online Platzkarten sichern. Die Sitze im Kinosaal werden vom System per Zufall vergeben, und dass Computer nicht besonders schlau sind, ist bekannt. So kommt es, dass die hinteren Reihen A bis F gut gefüllt sind, während die restlichen 14 Reihen nach vorne komplett leer bleiben. Grotesk. Vor Beginn des Eröffnungsfilms erhebt sich plötzlich ein Zuschauer und ruft wutentbrannt: „This is crazy! Don’t let them treat you like this! Ignore the rules! Choose your own seat! There is nothing they can do if we all stick together. Let’s fight this!“ Außer einer jungen Frau, die Bravo rufend nach vorne stolpert, bewegt sich niemand von seinem Platz. Denn es droht der Saalverweis. Kein Thursday for Future. Aber recht hat der tapfere Demonstrant natürlich (scheinbar hatte er in Cannes schon einen ähnlichen Auftritt), leider bellt er den falschen Baum an. Vielleicht sollte er lieber bei der Festivalleitung zur Revolution aufrufen…

WETTBEWERB

PETER VON KANT

3.5/5

François Ozon liebt Rainer Werner Fassbinder. Nach der kongenialen Verfilmung des Fassbinder-Theaterstücks „Tropfen auf heiße Steine“ (2000) feiert nun sein Remake des 1972 entstandenen Films „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ Premiere in Berlin.

Peter von Kant, ein erfolgreicher Filmregisseur, ist ein echtes Scheusal. Seinen stummen Diener und Assistenten Karl behandelt er wie Dreck. Eines Tages lernt er den jungen Amir kennen. Peter verliebt sich unsterblich in den sexy 24-Jährigen. Er will Amir eine Karriere im Filmgeschäft ermöglichen, lädt ihn ein, bei sich zu wohnen. Neun Monate später ist aus dem schüchternen Jungen ein manipulativer, launischer Star geworden, der sich bald darauf von Peter trennt. 

Das lieb gewonnene Vorurteil, Eröffnungsfilme der Berlinale wären immer schlecht, wird dieses Jahr nicht bestätigt: „Peter von Kant“ ist ein echter Ozon – stilsicher, artifiziell und ungewöhnlich. Anders als in Fassbinders Film ist hier die Titelrolle männlich besetzt. Das beschert der Geschichte vom cholerischen Filmregisseur eine neue Ebene, denn Peter von Kant ist ganz offensichtlich dem echten Fassbinder nachempfunden. Die Titelrolle spielt Denis Ménochet, der bereits zweimal für Ozon vor der Kamera stand. Der Eröffnungsfilm ist ein etwas zu wortreiches (weniger euphemistisch: geschwätziges) aber ausgezeichnet gespieltes Kammerspiel.

Frankreich 2021
84 min
Regie François Ozon

WETTBEWERB

RIMINI

3/5

Rex Gildo und Werner Böhm können davon ein Lied singen: Wenn sich Schlagerstars nicht gerade totsaufen oder aus Badezimmerfenstern springen, dann enden sie entweder im Möbelmarkt oder am Ballermann. Nicht viel besser ist das Schicksal von Richie Bravo, der verdient sein Geld in Rimini.

Die besten Jahre liegen hinter ihm – das Jackett passt nur noch mit Mieder und sein Repertoire gibt er mittlerweile in Hotelhallen zum Besten. Doch Richie weiß, was Fans (und Frauen) wünschen: viel öligen Charme und noch mehr körperliche Zuwendung. Eines Tages steht seine erwachsene Tochter vor ihm und verlangt Geld, denn Papa hat sich seit 18 Jahren nicht gemeldet, geschweige denn Unterhalt gezahlt.

Was ist der Superlativ von deprimierend? Rimini im Winter. Eine Stimmung, die der österreichische Film von Ulrich Seidl perfekt einfängt. Trauriger Ort, trauriger Typ: Richie Bravo ist ein Wrack, er säuft und raucht Kette. Von den bemitleidenswerten Auftritten vor greisem Publikum wechselt die Geschichte immer wieder zu wenig erbaulichen Sexszenen mit Richie und älteren Damen. Fanservice der besonderen Art. Daneben erzählt der Regisseur die Geschichte von Richies dementem Vater, der in einem Pflegeheim dahinvegetiert und alte Nazilieder singt. Tragisch und lustig zugleich.

Österreich / Frankreich / Deutschland 2022
114 min
Regie Ulrich Seidl

BERLINALE SPECIAL GALA

INCREDIBLE BUT TRUE

2/5

Unglaublich, aber wahr: Im Keller von Maries und Alans Haus verbirgt sich etwas Rätselhaftes. Wenn man doch nur darüber reden könnte! Doch Marie will das Geheimnis für sich behalten, besonders vor Alans Chef. Der hat sich in Japan einen iPenis einpflanzen lassen. Klingt seltsam? Ist es auch.

In der Fernsehserie „Black Mirror“ würde Quentin Dupieuxs satirische Zeitreisegeschichte nur als mittelmäßige Folge durchgehen. Achtung, SPOILER: Im Keller des Hauses befindet sich eine Luke zu einem Schacht. Steigt man den hinab, landet man wieder im Obergeschoss des Hauses. So weit, so seltsam. Klettert man dann wieder zurück, so sind 12 Stunden vergangen, gleichzeitig ist man aber 3 Tage jünger geworden. Marie beschließt, die skalpellfreie Verjüngungskur umfassend zu nutzen.

Bleibt die Frage: Was soll das? Als Satire auf den Beautywahn ist der Film nicht scharf genug, als Fantasygeschichte zu lahm und als Komödie zu unlustig. Ein paar Szenen funktionieren –  besonders zu Beginn, als der Makler dem Paar das Haus präsentiert und in höchster Umständlichkeit das Kellergeheimnis erklären will. Doch je länger die Geschichte läuft, desto uninteressanter wird sie. Zum Schluss gibt es einen minutenlangen Zusammenschnitt, dialoglos auf Musik, fast so, als hätten die Macher nicht mehr gewusst, was sie mit dem restlichen Material anfangen sollen. Trotz seiner kurzen 74 Minuten ist das unglaubliche, aber wahre Geheimnis vor allem gegen Ende erstaunlich zäh.

Originaltitel „Incroyable mais vrai“
Frankreich / Belgien 2021
74 min
Regie Quentin Dupieux

PANORAMA

BEAUTIFUL BEINGS

4/5

Für den 14-jährigen Balli läuft es denkbar schlecht: Er lebt in einem runtergekommenen Haus bei seiner drogenabhängigen Mutter, ein Auge wurde ihm „versehentlich“ vom Stiefvater weggeschossen, in der Schule wird er regelmäßig gemobbt. Kein schönes Leben. Als Balli die gleichaltrigen Addi, Konni und Siggi kennenlernt, entwickelt sich langsam eine Freundschaft zwischen den vier Jungs.

Der Film des isländischen Regisseurs wirkt wie eine zeitgemäße Interpretation von „Stand By Me“. Nur um einiges rougher und näher an der Wirklichkeit. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Zu Hause dominieren die Väter, allesamt Looser – vom Trinker bis zum brutalen Schläger ist alles dabei. Auf der anderen Seite steht die oft (typisch pubertär) Grenzen austestende Freundschaft zwischen den Jungs, die immer wieder überraschend zärtliche Momente hat.
Regisseur Guðmundsson ist ein bewegendes, in stimmungsvollen Bildern gedrehtes Coming-Of-Age-Drama geglückt mit vier tollen Newcomern.

Originaltitel „Berdreymi“
Island / Dänemark / Schweden / Niederlande / Tschechische Republik 2022
123 min
Regie Guðmundur Arnar Guðmundsson

PANORAMA

NOBODY'S HERO

3.5/5

In französischen Clermont-Ferrand verliebt sich der ungelenke Médéric in Isadora, eine 50-jährige Prostituierte. Als das Städtchen Schauplatz eines Terroranschlags wird, flüchtet sich der junge Obdachlose Selim in Médérics Gebäude und löst damit eine kollektive Paranoia unter den Hausbewohnern aus. Ist das der gesuchte Islamist? Médéric ist hin- und hergerissen zwischen seinem Mitgefühl für Selim und dem Wunsch, die Affäre mit Isadora fortzusetzen.
Figuren, Konstruktion und Stimmung erinnern an einen Roman von Michel Houellebecq. Eine Geschichte, wie aus dem Leben: so grotesk, dass sie sehr wahrscheinlich ist.

Originaltitel „Viens je t’emmène“
Frankreich 2022

100 min
Regie Aliaksei Paluyan

BALLADE VON DER WEISSEN KUH

BALLADE VON DER WEISSEN KUH

Kinostart 03. Februar 2022

Der Makler macht der jungen Mutter wenig Hoffnung: Witwen, Hundebesitzer oder Junkies haben in Teheran keine Chance auf eine Wohnung. Für ihre Notlage kann die alleinerziehende Mina nichts, denn ihr Ehemann Babak wurde zu Unrecht verurteilt und hingerichtet. Wie ein guter Geist taucht da plötzlich Reza auf, der behauptet, Schulden bei Babak gehabt zu haben, die er jetzt begleichen möchte. Mina ahnt nicht, dass Reza ein Geheimnis vor ihr verbirgt.

Arthousekino aus dem Iran? Keine Angst, „Ballade von der weißen Kuh“ ist viel unterhaltsamer, als es der Inhalt vermuten lässt. Das hervorragend gespielte und ausgezeichnet inszenierte Drama behandelt ein Thema, so alt wie die Menschheit: Schuld und Sühne. Im Iran führte „Ghasideyeh gave sefid“ zu Kontroversen, denn er klagt nicht nur das dortige Justizsystem an, sondern thematisiert noch ein paar weitere Tabus wie Frauenfeindlichkeit und staatliche Unterdrückung. Hauptdarstellerin Maryam Moghaddam führte gemeinsam mit Behtash Sanaeeha die Regie bei diesem stillen und doch wuchtigen Film.

„Ballade von der weißen Kuh“ feierte letztes Jahr seine Weltpremiere bei der Berlinale.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Ghasideyeh gave sefid“
Iran / Frankreich 2020
105 min
Regie Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha

alle Bilder © Weltkino Filmverleih GmbH

JE SUIS KARL

JE SUIS KARL

Genau so könnte es in nicht allzu ferner Zukunft kommen: Die junge Generation hat es gründlich satt und tut sich zusammen, um ein “neues Europa” zu gründen. Dass das scheinbar nur mit rechtspopulistischen Parolen geht, ist die Kehrseite der Medaille.

Maxi ist nach einem Terroranschlag, bei dem ihre Mutter und ihre beiden Brüder ums Leben kommen, traumatisiert. Als sie auf den gutaussehenden Karl trifft, ahnt sie noch nicht, mit wem sie sich da einlässt. Karl hat große Pläne, will ganz Europa verändern. “Was wäre für dich das Schlimmste?”, fragt sie ihn. “Sinnlos zu sterben”, antwortet er. “Und das Beste?” “Sinnvoll”. Maxi verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Neonazi und folgt ihm blind auf seiner Tour durch Europa.

Das neue Unheil verbirgt sich hinter hübschen Gesichtern und ist im Social Network präsent.
Christian Schochow zeigt, wie die next generation der rechten Szene ihre Follower verführt: Konzerte, Influencer-Liveberichte, aufwiegelnde Reden und ein paar free T-Shirts unters Volk geschmissen. Baby-Hitler ist ein Rockstar.
“Je Suis Karl” erzählt eine interessante, doch ein bisschen zu gehetzt abgespulte Geschichte. Vor allem Maxis Radikalisierung findet im Zeitraffertempo statt. Der Stoff hätte locker für eine Miniserie gereicht. Gegen Ende sind Drehbuchautor Thomas Wendrich dann die Pferde durchgegangen – die Zufälle häufen sich, die Handlung wirkt zusehends konstruierter. Wirklich toll sind die Schauspieler: Jannis Niewöhner kauft man das manipulative Neonazi-Arschloch voll und ganz ab. Die Schweizerin Luna Wedler hat mit ihren 21 Jahren schon mehrfach mittelmäßige Filme aufgewertet. Und es ist schön, den unterschätzten Milan Peschel endlich mal nicht in einer Klamotte zu sehen.

INFOS ZUM FILM

Deutschland / Tschechische Republik 2021
126 min
Regie Christian Schwochow
Kinostart 16. September 2021

alle Bilder © Pandora Film

FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE

FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE

Die Kamera gleitet durch den U-Bahnhof Heidelberger Platz im heutigen Berlin. An den wartenden Fahrgästen vorbei, die Treppe hinauf, und plötzlich befinden wir uns im Berlin der 1930er-Jahre. Nüchtern, meist distanziert führt uns Jakob Fabian durch die brodelnde Großstadt. Tagsüber unterforderter Werbetexter, zieht der angehende Schriftsteller nachts mit seinem besten Freund Labude durch die Bordelle und Kneipen Berlins. Ein unsteter Geist, immer auf der Suche. Veränderung liegt in der Luft, die Weimarer Republik geht zu Ende, die Nazis sind auf dem Vormarsch. Erst die Liebe zu Cornelia Battenberg wird ein Lichtblick in Fabians Leben, stellt seine ironische Weltanschauung infrage.

Dominik Graf wählt für die Neuverfilmung von Erich Kästners gleichnamigem Roman die Stilmittel einer Independent-Produktion. Originalschauplätze in Görlitz und Bautzen stehen für das historische Berlin und Dresden, körniges Super-8-Material wechselt munter mit alten Archivaufnahmen und aufwendig eingerichteten Szenen in Altbaufluchten. Graf erzählt seine Vision vom Tanz auf dem Vulkan ohne Klischees, frei von Kitsch und verzichtet auf computergenerierten Hollywoodglanz. Das ist weit weg von „Babylon Berlin“. 

Kameramann Hanno Lentz verwendet ein fast quadratisches Bildverhältnis, das gängige Kinoformat der Zeit, in der die Geschichte spielt. Eines der kleinen, unauffälligen Details, die den Film so stimmig machen.
Tom Schilling, unser Mann für intellektuelle Slacker, ist die Idealbesetzung für den verlorenen Fabian. An seiner Seite glänzen Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch und Meret Becker.

„Fabian oder der Gang vor die Hunde“ ist ein im besten Sinne altmodischer und zugleich sehr moderner Film. Die drei Stunden Laufzeit hätten hier und da ein paar Kürzungen vertragen, doch laut Regisseur gibt es einen Grund für die Länge: Er wollte, dass sein Film in etwa so lange dauert wie die Lektüre des Buchs.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2021
178 min
Regie Dominik Graf
Kinostart 05. August 2021

alle Bilder © DCM Pictures

DER MENSCHLICHE FAKTOR

Fünf bis sechs Filme am Tag sind eben doch zu viel. Deshalb hier ein kleiner Berlinale-Nachklapp: der sehenswerte PANORAMA-Beitrag „Der menschliche Faktor“ von Ronny Trocker.
Jan und Nina leiten eine Werbeagentur in Hamburg. Die Geschäfte könnten besser laufen, deshalb nimmt Jan, ohne es mit seiner Frau abzusprechen, einen Neukunden an. Doppelt schlimm: Er missachtet nicht nur die „no politics“-Regel der Agentur, es handelt sich auch noch um eine populistische Partei – die AfD lässt grüßen. Nina ist sauer. Um die Wogen zu glätten, fahren die beiden mit ihren Kindern übers Wochenende in ihr Ferienhaus an der belgischen Küste. Doch mit der Erholung ist es schnell vorbei, als ein mysteriöser Einbruch das Familiengefüge empfindlich stört. Keiner kann eine genaue Täterbeschreibung geben – die Kinder haben nichts gesehen, Jan war einkaufen und Nina hat nur Schritte gehört.

„Der menschliche Faktor“ ist ein subtiler Psychothriller, der seine Figuren langsam in ein feines Netz aus Manipulation, wachsendem Misstrauen und subjektiver Wahrnehmung spinnt. Klingt verkopft, ist aber spannend. Der Einbruch wird aus verschiedenen ineinanderfließenden Perspektiven gezeigt. Was gerade noch klar schien, ist durch die Sicht eines anderen Familienmitglieds plötzlich wieder infrage gestellt. So behauptet der achtjährige Sohn Max, der Vater habe sich während des Vorfalls versteckt. Und die vagen Aussagen von Nina lassen bei der Polizei Zweifel aufkommen, ob es den Einbruch überhaupt gegeben hat.

Ronny Trocker ist ein fesselndes Familiendrama mit hervorragender Besetzung gelungen: Mark Waschke (immer gut) überzeugt als verunsichertes Alphatier Jan und die wunderbare Schweizerin Sabine Timoteo als Nina möchte man sowieso gerne öfters sehen. Falls sich auch irgendwer fragt: Woher kenne ich Sabine Timoteo noch mal? Die hat in der Andreas Steinhöfel-Romanverfilmung „Die Mitte der Welt“ die Mutter gespielt.

FAZIT

„Der menschliche Faktor“ feierte im Sommer 2020 seine Premiere beim Sundance Film Festival. Da es sich um eine Koproduktion des „Kleines Fernsehspiel“ handelt, stehen die Chancen gut, dass er demnächst im ZDF zu sehen sein wird. Wahrscheinlich um 23.30 Uhr – für einen 20.15 Uhr-Sendeplatz ist er einfach zu gut.

INFOS ZUM FILM

Deutschland / Italien / Dänemark 2021
102 min
Regie Ronny Trocker
Demnächst im Kino oder Fernsehen

alle Bilder © Klemens Hufnagl / zischlermann filmproduktion

BERLINALE 2021 – TAG 5

Geschafft! Die Streaminale hatte große Vorteile: kein Verschlafen, keine verpasste U-Bahn, keine Ausreden. Zum ersten Mal wurden ganz bestimmt ALLE Wettbewerbsbeiträge gesichtet. Obwohl – stimmt gar nicht: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ mit Tom Schilling und „Nebenan“, das Regiedebüt von Daniel Brühl, standen im Stream nicht zur Verfügung. Die Trauer hält sich in Grenzen.

Fazit: sehr verkopft, viel Oberstufen-Video-AG. Die Sehnsucht nach großem Kino konnte die Berlinale dieses Jahr nicht erfüllen. Film darf neben Hirn und manchmal Herz auch gerne Auge und Bauch berühren. Nächstes Mal bitte mehr Mut zur gesunden Mischung.

Herzlichen Glückwunsch an die Gewinner:

Goldener Bär: „Babardeală cu bucluc sau porno balamuc“ von Radu Jude
Silberner Bär – Großer Preis: „Guzen to sozo“ von Ryusuke Hamaguchi
Silberner Bär: „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth
Beste Regie: Dénes Nagy für „Természetes fény“
Beste Schauspielerische Leistung Hauptrolle: Maren Eggert in „Ich bin dein Mensch“
Beste Schauspielerische Leistung Nebenrolle: Lilla Kizlinger in „Rengeteg – mindenhol látlak“
Bestes Drehbuch: Hong Sangsoo für „Inteurodeoksyeon“
Herausragende Künstlerische Leistung: Yibrán Asuad für die Montage von
„Una película de policías“

WETTBEWERB

UNA PELÍCULA DE POLICÍAS

Die Vorspannmusik ist eine hübsche Hommage an die 1970er-Jahre US-Polizeifilme. Danach bleibt lange unklar, ob man hier gerade echten oder gespielten Polizisten bei der Arbeit zuschaut. Nach gut der Hälfte die Auflösung: Zwei Schauspieler*innen wollen herausfinden, was es braucht, ein Cop in Mexiko-City zu sein. Die beiden tauchen so tief in ihre Rollen, dass sich die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auflösen. Film im Film, der immer wieder die Erzählperspektive wechselt. Alonso Ruizpalacios schafft mit seinem Verwirrspiel einen interessanten Einblick in die korrupte und gefährliche Welt der mexikanischen Polizei.

Englischer Titel „A Cop Movie“
Mexiko 2021
107 min
Regie Alonso Ruizpalacios

WETTBEWERB

HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE

Da wird Flecki Fleckenstein ganz neidisch: Dieter Bachmann ist ein Lehrer, wie man ihn sich wünscht. Empathisch und engagiert gibt er seinen Schüler:innen, die aus verschiedenen Ländern stammen und teilweise kaum Deutsch sprechen, das Gefühl, an seiner Schule ein neues Zuhause gefunden zu haben. Er tut das, was ein guter Lehrer tun sollte: die Jugendlichen sanft auf ihren Weg ins Erwachsenenleben leiten, ihnen Möglichkeiten aufzeigen und Freiheiten lassen.

Mit 3,5 Stunden Laufzeit (🙄) vielleicht ein klitzekleines bisschen zu lang geraten, aber dafür wachsen einem Herr Bachmann und seine Schüler so sehr ans Herz, dass man am Ende des Schuljahres mit ihnen gemeinsam ein Tränchen verdrückt. Maria Speths einfühlsamer Dokumentarfilm hat den Silbernen Bären gewonnen.

Englischer Titel „Mr Bachmann and His Class“
Deutschland 2021
217 min
Regie Maria Speth

BERLINALE SPEZIAL

THE MAURITANIAN

Ist er schuldig oder unschuldig? Mohamedou Ould Slahi sitzt im Gefangenenlager Guantánamo Bay ein, er wird verdächtigt, an den Terroranschlägen von 9/11 beteiligt gewesen zu sein. Jahrelang wartet er auf einen Prozess, bis sich die Anwältin Nancy Hollander seines Falls annimmt und damit einen Kampf gegen das System beginnt. 
Am stärksten ist „The Mauritanian“ in den Rückblenden, die die Vorgeschichte Slahis erzählen. Die Recherche und der Weg zum Prozess – das ist solide inszeniertes Mainstreamkino, das gab es so ähnlich schon tausendmal in anderen Gerichtsfilmen zu sehen. Jodie Foster, Benedict Cumberbatch und der herausragende Tahar Rahim als ambivalenter Terrorverdächtiger machen „The Mauritanian“ zu keinem bahnbrechenden, aber trotzdem sehenswerten Politthriller. Die wahre, schreiend ungerechte Geschichte basiert auf dem 2015 erschienenen Buch „Guantánamo-Tagebuch“, das Slahi in Gefangenschaft schrieb und das zum Bestseller wurde. 

England 2021
130 min
Regie Kevin Macdonald

BERLINALE 2021 – TAG 4

Ein Wort zum Plakat- und Logodesign: Bravo Kinder! Hier hatte eindeutig die LOBI-AG ihre Tatzen im Spiel. Hübsch und handgemacht, um Klassen besser, als das bemüht künstlerische Grafikfiasko vom letzten Jahr.

WETTBEWERB

GUZEN TO SOZO

Zwischenbilanz: In allen – ALLEN – Wettbewerbsfilmen wird geraucht. Manchmal mehr (Inteurodeoksyeon), manchmal weniger (Petite Maman). Geraucht und geredet, möchte man sagen. Denn Geschwätzigkeit ist das andere Laster in diesem Berlinalejahr. Vielleicht eine neue Form der sozialen Interaktion: Statt sich in Kneipen zu treffen und zu reden, schaut man Filme an, in denen die Schauspieler reden. Und reden. Und reden.
In drei verschiedenen, nicht miteinander verknüpften Episoden erzählt „Guzen To Sozo“ von Frauen und Männer, die über ihre Beziehungen sprechen. Regisseur Ryusuke Hamaguchi scheint ein großer Bewunderer von Woody Allen zu sein. Wie sein unerreichtes Vorbild lässt auch er seine Figuren in teils skurrile Situationen stolpern. Nur mit dem Unterschied, dass „Guzen To Sozo“ visuell sehr tranig daherkommt.

Englischer Titel „Wheel of Fortune and Fantasy“
Japan 2021
121 min
Regie Ryusuke Hamaguchi

WETTBEWERB

GHASIDEYEH GAVE SEFID

Der Makler macht der jungen Mutter wenig Hoffnung: Witwen, Hunde- oder Katzenbesitzer und Junkies haben in Teheran keine Chance. Für ihre Notlage kann Mina nichts, denn ihr Ehemann Babak wurde zu Unrecht für ein Verbrechen hingerichtet. Wie ein guter Geist taucht da plötzlich Reza auf, der behauptet, Schulden bei Babak gehabt zu haben, die er jetzt begleichen möchte. Mina ahnt nicht, dass Reza ein dunkles Geheimnis vor ihr verbirgt.
Schuld und Sühne – ein klassisches Filmsujet, hervorragend besetzt und meisterhaft inszeniert. „Ballad of a White Cow“ führt im Iran zu Kontroversen, schließlich hinterfragt er kritisch das dortige Justizsystem und thematisiert nebenbei noch weitere Tabus, wie Frauenfeindlichkeit und staatliche Unterdrückung.
Hauptdarstellerin Maryam Moghaddam führte gemeinsam mit Behtash Sanaeeha die Regie bei diesem stillen und doch wuchtigen Film.

Englischer Titel „Ballad of a White Cow“
Iran / Frankreich 2020
105 min
Regie Behtash Sanaeeha, Maryam Moghaddam

BERLINALE SPEZIAL

JE SUIS KARL

Genau so könnte es in nicht allzu ferner Zukunft kommen: Die junge Generation hat es gründlich satt und tut sich zusammen, um ein „neues Europa“ zu gründen. Dass das scheinbar nur mit rechtspopulistischen Parolen geht, ist die Kehrseite der Medaille.
Maxi ist nach einem Terroranschlag traumatisiert, sie hat ihre Mutter und ihre beiden Brüder verloren. Da tritt der charismatische Karl in ihr Leben. Der hat große Pläne, will ganz Europa verändern. „Was wäre für dich das Schlimmste?“, fragt sie ihn. „Sinnlos zu sterben“, antwortet er. „Und das Beste?“ „Sinnvoll“. Maxi verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen Neonazi und folgt ihm blind auf seiner Tour durch Europa. Das neue Unheil verbirgt sich hinter hübschen Gesichtern und ist im Social Network präsent.
Christian Schochow zeigt realistisch, wie die next generation der rechten Szene ihre Follower verführen könnte: Konzerte, Influencer-Liveberichte, aufwiegelnde Reden und ein paar free T-Shirts unters Volk geschmissen. Baby-Hitler ist ein Rockstar.
„Je Suis Karl“ erzählt eine interessante Geschichte, doch alles passiert ein bisschen zu schnell. Vor allem Maxis Radikalisierung findet im Zeitraffertempo statt, der Stoff hätte locker für ein paar Folgen einer Miniserie gereicht. Gegen Ende sind Drehbuchautor Thomas Wendrich dann die Pferde durchgegangen – die Zufälle häufen sich, die Handlung wirkt zusehends konstruierter. Wirklich toll sind die Schauspieler: Jannis Niewöhner kauft man das manipulative Neonazi-Arschloch voll und ganz ab. Die Schweizerin Luna Wedler hat mit ihren 21 Jahren schon mehrfach mittelmäßige Filme aufgewertet. Und es ist schön, den unterschätzten Milan Peschel endlich mal nicht in einer Klamotte zu sehen.

Deutschland / Tschechische Republik 2021
126 min
Regie Christian Schwochow

BERLINALE SHORTS

DEINE STRASSE

Zum Schluss noch eine Kurzfilm-Perle: Die von Sibylle Berg erzählte Geschichte, wie es dazu kam, dass es in Bonn eine Straße namens „Saime-Gençe-Ring“ gibt.

Schweiz 2020
7 min
Regie Güzin Kar

BERLINALE 2021 – TAG 3

Halbzeit. Unvorstellbar, dass vor einem Jahr noch Hundertschaften maskenloser Menschen im Kino saßen und gemeinsam gehustet haben. Früher war eben doch nicht alles besser. Bleibt die Hoffnung, dass sich das Virus bis zum Sommer verzogen hat. Husch, husch.

WETTBEWERB

PETITE MAMAN

Schräge Idee: Nach dem Tod ihrer Großmutter hilft Nelly ihren Eltern beim Ausräumen des Hauses. Beim Spielen im Wald lernt sie die gleichaltrige Marion kennen, die sich als ihre Mutter im Kindesalter entpuppt. Vergangenheit trifft Gegenwart. „Petite Maman“ wirkt wie eine zarte, sehr französische Antwort auf die Netflixserie „Dark“. Der neue Film von Céline Sciamma erzählt vom Erwachsenwerden, von Trauerbewältigung und Abschiedsschmerz. Schön.

Frankreich 2021
72 min
Regie Céline Sciamma

WETTBEWERB

RENGETEG – MINDENHOL LÁTLAK

Die nervös verwackelte Kamera bleibt konsequent nah auf den Gesichtern und Händen der Protagonisten. Es passiert fast nichts im neuen Film von Bence Fliegauf, dafür wird unendlich viel geredet. „Rengeteg – Mindenhol Látlak“ ist eine Soap-Opera in Hörspielform. Visuell eher quälend, bereitet es doch ein voyeuristisches Vergnügen, den Gesprächen zu lauschen.
Die poetischere Beschreibung steht wie immer im Pressetext:
„Ein Mann spricht mit dem Kleiderschrank – weshalb? Wenn Menschen Sphären sind, können sie sich je begegnen?“

Englischer Titel „Forest – I See You Everywhere“
Ungarn 2020
112 min
Regie Bence Fliegauf

WETTBEWERB

RAS VKHEDAVT, RODESAC CAS VUKUREBT?

Was wir sehen, wenn wir zum Himmel schauen, bleibt bis zum Ende ungeklärt – Blau vielleicht? Schwarz sieht der Zuschauer, wenn er den eingeblendeten Anweisungen in diesem Film folgt: ein erster Glockenton signalisiert, man solle die Augen schliessen, ein zweiter, wann man sie wieder öffnen darf. So viel Interaktion war selten. Nach fünf Minuten wandert der Blick zur Uhr und es stellt sich die bange Frage, wie man die noch folgenden 145 überstehen soll. Schön, dass es auch mittelmässige Studentenfilme in das Wettbewerbsprogramm schaffen. Gewinnt bestimmt den Goldenen Bären.

Deutscher Titel „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“
Deutschland / Georgien 2021
150 min
Regie Alexandre Koberidz

BERLINALE SPEZIAL

LIMBO

Ein Jungpolizist und sein erfahrener Partner sind einem obsessiven, besonders brutalen Frauenmörder auf der Spur. Müll, abgetrennte Hände und überall Schmeißfliegen – Hongkong zeigt sich hier von seiner schmutzigsten Seite.
Der neue Film von Soi Cheang (Dog Bite Dog) ist ein stylisher, in schwarz-weiß gedrehter Cop-Thriller – spannend bis zuletzt und teils exzessiv brutal. Das schreit nach US-Remake: Russell Crowe und Joseph Gordon-Levitt bitte für die Hauptrollen besetzen. 

Hongkong, China / Volksrepublik China 2021
118 min
Regie Soi Cheang

BERLINALE 2021 – TAG 2

Alles anders – diesmal gibt es (zum ersten Mal) keine einzige US-amerikanische Produktion im Wettbewerb. Dafür einen Film mit den Worten „Sau“ und „Porno“ im Titel, das ist Entschädigung genug.

WETTBEWERB

TERMÉSZETES FÉNY

Der ungarische Regisseur Dénes Nagy erzählt eine winterliche Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. „Natural Light“ ist ein filmisches Gemälde, schlammfarben, fahl und stimmungsvoll. Ein Film über wortkarge Soldaten im Wald, die von einem moralischen Dilemma ins nächste geraten. Schwere Kost für die Sichtung am heimischen Computer, so was gehört ins dunkle Kino auf die große Leinwand. Meanwhile wächst die Sehnsucht nach leichter Unterhaltung.

Englischer Titel „Natural Light“
Ungarn / Lettland / Frankreich / Deutschland 2020
103 min
Regie Dénes Nagy

WETTBEWERB

BABARDEALĂ CU BUCLUC SAU PORNO BALAMUC

„Schlampe!“, die Empörungswelle der Eltern schlägt hoch. Ein Video, das eine junge Lehrerin beim Sex mit ihrem Ehemann zeigt, ist viral gegangen. Kein echter Skandal, eher eine private Peinlichkeit. Doch schon Dirty Harry wusste: Meinungen sind wie Arschlöcher, jedermann hat eins. Das trifft in einer von Social-Media verzerrten Welt umso mehr zu. Jeder kann alles sagen, posten und kommentieren, die nächste große Verschwörungstheorie lauert schon um die Ecke.
„Bad Luck Banging or Loony Porn“, so der englische Titel, zeichnet ein düsteres Bild von unserer modernen, übersexualisierten Gesellschaft.  In drei Kapiteln – deprimierend und lustig zugleich – hält Regisseur Jude seinen rumänischen Mitbürgern gnadenlos den Spiegel vors Gesicht.

Englischer Titel „Bad Luck Banging or Loony Porn“
Rumänien / Luxemburg / Kroatien / Tschechische Republik 2021
106 min
Regie Radu Jude

WETTBEWERB

ALBATROS

Étretat, eine malerische Gemeinde in der Normandie: Laurent (ausgezeichnet: Jérémie Renier) ist Vorgesetzter einer Polizeieinheit und hat täglich vom Versicherungsbetrug über Kindesmissbrauch bis zum Mopedfahren ohne Helm mit einem bunten Programm an Delikten zu tun. Als er einen verzweifelten Landwirt vom Selbstmord abhalten will, kommt es zur Katastrophe.

Gleich zu Beginn gibt es eine Szene, die als Omen für das Schicksal von Laurent gedeutet werden kann: Ein lebensmüder Mann springt vom Felsplateau und kracht in eine gerade am Strand stattfindende Fotosession. Gerade noch banale Normalität, die urplötzlich zerstört wird. So stark die erste Hälfte mit den Alltagsbeschreibungen der Polizisten, so einschläfernd die zweite. Nachdem die Tragödie geschehen ist, switcht der Film in eine seltsam melancholische „Der Mann und das Meer“-Studie, die in einem schalen Happy End ausfranst.

Englischer Titel „Drift Away“
Frankreich 2020
115 min
Regie Xavier Beauvois

WETTBEWERB

INTEURODEOKSYEON

Da setzt der erste Kopfschmerz ein: Der neue Film von Hong Sang-soo sieht aus, als wäre er auf U-Matic Lowband mit einer Kamera gedreht worden, bei der das Auflagemaß nicht richtig eingestellt ist. Zu sehen sind Koreaner, die viel rauchen – in Korea und an Berlins hässlichstem Ort, dem Potsdamer Platz. Ist schwarz/weiß und nur 66 Minuten lang – muss Kunst sein.

Englischer Titel „Introduction“
Republik Korea 2020
66 min
Regie Hong Sang-soo

ENCOUNTERS

THE SCARY OF SIXTY-FIRST

Über Verstorbene soll man nichts Schlechtes sagen – eine Empfehlung, die Regisseurin Dasha Nekrasova herzlich wenig juckt. Das Debüt der Podcast-Moderatorin ist eine Abrechnung mit dem Milliardär Jeffrey Epstein – und gleichzeitig eine Reminiszenz an die grobkörnigen Psycho-Horror-Filme der 1970er-Jahre. „The Scary of Sixty-First“ besticht durch seinen handgemachten (um nicht zu sagen amateurhaften) Independent-Look. Krude, wirr und trotzdem einigermaßen unterhaltsam.

USA 2020
81 min
Regie Dasha Nekrasova

PANORAMA

LE MONDE APRÈS NOUS

Die Welt nach uns – nein, das ist keine apokalyptische Zukunftsvision, sondern der Titel von Labidis Erstlingsroman. Als sich der bitterarme Jung-Schriftsteller in die niedliche Schauspielschülerin Elisa verliebt, träumt er von der großen Liebe. Sehr entspannt erzählt Louda Ben Salah-Cazanas in seinem Spielfilmdebüt von einer jungen Migranten-Generation in Frankreich, hin- und hergerissen zwischen dem Kampf ums banale Überleben und der großen Sehnsucht nach mehr. Lieben, leben, rauchen – très français.

Englischer Titel “ The World After Us“
Frankreich 2021
85 min
Regie Louda Ben Salah-Cazanas

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

DIE SAAT

Rainer ist Bauarbeiter und muss mit seiner Familie aufs Land ziehen, die Stadt ist zu teuer geworden. Seine 13-jährige Tochter Doreen lernt dort Mara kennen, die keinen guten Einfluss ausübt und ihre neue Freundin sogar zum Diebstahl verführt. Auch bei Rainer auf der Arbeit läuft es zunehmend  schlechter. Als sein neuer Vorgesetzter einen älteren Mitarbeiter feuert, brennen bei Rainer die Sicherungen durch. Eine Familie unter Druck: Hanno Koffler, Anna Blomeier und Dora Zygouri spielen die Kleinfamilie im zweiten Spielfilm von Mia Maariel Meyer. Das Drehbuch zu diesem intensiven und sehenswerten Familiendrama hat die Regisseurin gemeinsam mit Hauptdarsteller Hanno Koffler geschrieben.

Englischer Titel “ The Seed“
Deutschland 2021
100 min
Regie Mia Maariel Meyer

BERLINALE 2021 – TAG 1

Kurzes Jammern: Buhuhu – Die Berlinale findet in diesem Jahr nur im Wohnzimmer statt, wenigstens der erste Teil, das sogenannte „Industry Event“. Keine große Leinwand, kein Gruppenerlebnis, keine schlechten Snacks im Foodcourt. Dafür muss man sich nicht mehr schamvoll aus dem Kino schleichen, sondern kann einfach vorspulen, wenn es zu langweilig wird.
Das große Publikumsfestival folgt im Juni – dann hoffentlich ohne Coronaeinschränkungen.

WETTBEWERB

ICH BIN DEIN MENSCH

Frauen arbeiten in deutschen Berlinale-Beiträgen offenbar gerne im Museum: Letztes Jahr gab Paula Beer als Undine die Historikerin, diesmal arbeitet Maren Eggert als Alma am Pergamonmuseum. Um Fördermittel zu ergattern, nimmt sie an einem außergewöhnlichen Experiment teil: Drei Wochen lang muss sie mit Tom (Dan „Downton Abbey“ Stevens), einem sehr menschlichen Roboter zusammen leben. Der soll sich dank KI in den perfekten Lebenspartner verwandeln. Doch einen guten Flirt zu programmieren, bleibt auch in dieser Zukunftsvision schwierig. „Deine Augen sind wie Bergseen, in denen ich versinken möchte.“ Mit Poesie aus der Mottenkiste kann Tom das verhärtete Herz von Alma nicht öffnen. Maria Schraders nicht uncharmanter Film mäandert zwischen theaterhafter Künstlichkeit und leisem, intelligentem Humor. Das ist unterhaltsam, packt aber nie so ganz.
„Ich bin dein Mensch“ ist einer von vier (!) deutschen Wettbewerbsbeiträgen, am Freitag gibt es noch „Herr Bachmann und seine Klasse“ zu besprechen. “Fabian oder Der Gang vor die Hunde” mit Tom Schilling und “Nebenan”, das Regiedebut von Daniel Brühl, stehen im Stream leider nicht zur Verfügung.

Englischer Titel „I’m Your Man“
Deutschland 2021
105 min
Regie Maria Schrader

WETTBEWERB

MEMORY BOX

Seit „Bridges of Madison County“ ein beliebter Drehbuchkniff: Die Kinder kramen in den Hinterlassenschaften der Eltern und finden dabei heraus, dass die auch mal ein Leben jenseits der bekannten Familienstrukturen hatten. „Memory Box“ ist eine Fortentwicklung, eine tiefer gehende, sozusagen 2.0-Version dieser Idee. Die libanesische Regisseurin und Künstlerin Joana Hadjithomas schickt zwischen 1982 und 1988, im Alter von 13 bis 18 Jahren ihrer besten Freundin regelmäßig Kassetten, Briefe und Fotos nach Frankreich. Sechs Jahre lang erzählen sich die Mädchen bis ins kleinste Detail von ihrem Leben. Die eine aus Paris, die andere aus dem libanesischen Bürgerkrieg. Aus dieser wahren Geschichte ist nun „Memory Box“ entstanden. In ihrem teils experimentellen Drama verbinden die Regisseurinnen dokumentarische mit fiktionalen und rekonstruierten Elementen zu einem visuell aufregenden Mix. Herausgekommen ist ein ergreifender und erkenntnisreicher Film, der sich mit den elementaren Fragen beschäftigt: Wie wichtig sind Erinnerungen? Wie beeinflusst die Vergangenheit die Gegenwart? Sehenswert.

Frankreich / Libanon / Kanada / Katar 2021
100 min
Regie Joana Hadjithomas, Khalil Joreige

ENCOUNTERS

Vị

Ein nigerianischer Mann lebt mit vier Vietnamesinnen in den Slums von Ho-Chi-Minh-City. Die Tage dröppeln so vor sich hin: Die meiste Zeit sind alle nackt, bereiten Speisen zu oder waschen sich gegenseitig. Einmal sitzt eine Schnecke auf dem Penis des Mannes. Zwischendurch essen er und sein Sohn Wassermelone im Videochat. 
Lê Bảos Erstlingswerk wirkt wie ein filmgewordenes Kunstprojekt und ist eine Kontemplation in Blau und Braun. Jedenfalls schön anzusehen.

Englischer Titel „Taste“
Vietnam / Singapur / Frankreich / Thailand / Deutschland / Taiwan 2021
97 min
Regie Lê Bảo

BERLINALE SPEZIAL

TIDES

Mad Max im Wattenmeer: Schreckliche Geheimnisse und schicksalhafte Entscheidungen – verpackt in einem Sci-Fi-Thriller mit Öko-Kritik – produziert vom Hollywood-Schwaben Roland Emmerich. Das lässt nichts Gutes erahnen.
Die Menschen haben die Erde endgültig kaputt gemacht. Deshalb fliehen ein paar Reiche auf den must-have-Planeten aller modernen Science-Fiction-Filme „Kepler“ (guter Hundename). Zwei Generationen später kehrt eine Gruppe Auserwählter zur mittlerweile überfluteten Erde zurück, denn da soll wieder Leben möglich sein.
Inhaltlich werden dicke Bretter gebohrt: Kolonialismus, Ausbeutung, das Brandschatzen der Erde, der Klimakollaps, das Ende des Patriarchats und natürlich der elendigliche Überlebenswille der Menschheit. Relativ rasch verflacht der Film zum konventionellen Gut-gegen-Böse-Drama mit absehbarem Ende. Dass „Tides“ trotzdem ganz okay geworden ist, liegt vor allem an der stimmungsvollen Kamera von Markus Förderer und der souveränen Regie von Tim Fehlbaum.

Deutschland / Schweiz 2021
104 min
Regie Tim Fehlbaum

SCHWESTERLEIN

Nina Hoss hätte bei der diesjährigen Berlinale eigentlich den silbernen Bären für die beste weibliche Hauptrolle verdient. Als Schwester(lein) des krebskranken Theaterschauspielers Sven entfaltet sie eine große Kraft, der ganze Film kreist um sie. Ihre Figur, die Autorin Lisa, muss sich gegen eine schier unendliche Flut an Dramen und Problemen stemmen: Ihre Mutter ist eine gefühlskalte Egoistin, ihr Ehemann will lieber Karriere in der Schweiz machen und der Regisseur ihres Bruders zweifelt an dessen Genesung und plant schon mal die nächste Spielzeit ohne ihn.

Nach „Undine“ (mit der tatsächlichen Gewinnerin des Bärens, Paula Beer) noch ein Märchen: „Hänsel und Gretel“ zieht sich als roter Faden durch den Film. Lisa schreibt ihrem Bruder eine Neuinterpretation der Grimm’schen Geschichte auf den Leib, gleichzeitig sind die verlorenen Kinder in der Gewalt der Hexe ein allzu offensichtliches Symbol für den Kampf der Geschwister gegen den Krebs.

„Schwesterlein“ changiert zwischen Illusion und überhöhtem Realismus. Thomas Ostermeier spielt – was sonst ? – den Regisseur, Lars Eidinger eine sterbenskranke Version des Schauspielers Lars Eidinger. Über so viel Nabelschau muss man erst mal hinwegsehen. Die Station des Sterbens werden fast artig abgehakt: der letzte besoffene Technotanz, der vermeintlich freiheitsbringende Paragliding-Flug, die hässlichen Krankenhausszenen mit viel Blut und piepsenden Maschinen. Das sind bekannte Bilder, da bewegt sich das Drama auf ausgetretenen Pfaden.

FAZIT

„Schwesterlein“ ist harte Kost. Als Film eher Mittelmaß, als Demonstration schauspielerischen Könnens eine Wucht.

Schweiz 2020
99 min
Regie Stéphanie Chuat und Véronique Reymond
Kinostart 29. Oktober 2020

alle Bilder © Weltkino Filmverleih GmbH

SCHLAF

Flugbegleiterin Marlene leidet unter wiederkehrenden Albträumen. Irgendwann schnappt sie über, verfällt in eine Art Schockstarre. Ihre Tochter Mona will helfen und macht sich auf die Suche in die Vergangenheit ihrer Mutter. In einem 70er-Jahre Dorfhotel namens Sonnenhügel findet sie irritierende Antworten.

In diesem Film wird viel gewürgt. Männer würgen Frauen, Frauen würgen Männer und manchmal würgen sich Menschen auch ganz alleine selbst. Klingt ein bisschen wie ein Edgar-Wallace-Streifen aus den 60ern. Für das verschwurbelte ZDF-Kleine-Fernsehspiel entschädigen nur die Schauspieler: Sandra Hüller als Marlene ist wie immer gut, hat hier jedoch fast nichts zu tun. Gro Swantje Kohlhof überzeugt als Tochter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Marion Kracht und August Schmölzer spielen die Hotelbesitzer zwar schön zwielichtig, scheinen sich aber aus einem ganz anderen Film hierher verirrt zu haben.

Endlich mal wieder ein Vorurteil bestätigt: Deutsche können keine gescheiten Horrorfilme drehen! Es ist schon eine Kunst, einen Brei zu versalzen und gleichzeitig fade schmecken zu lassen. Das heillos überfrachtete Drehbuch bedient sich großzügig bei allerlei Genreklassikern wie „The Conjouring“ und „The Shining“, ohne etwas aufregend Neues daraus zu machen.

FAZIT

Heimathorror im Provinzhotel.

Deutschland 2020
102 min
Regie Michael Venus
Kinostart 29. Oktober 2020

alle Bilder © Edition Salzgeber

UNDINE

Die gute Nachricht: am 2. Juli machen die Kinos wieder auf!
Die schlechte: „Die Känguru-Chroniken“ feiern ihren re-release. So unoriginell wie der neue Titel „Die Känguru-Chroniken Reloaded“, so unoriginell ist die Idee, dem Film eine 3D-Einstellung hinzuzufügen. Framerate warnte bereits im März mit einem Stern vor der einfältigen Klamotte.

Ein um einiges intelligenteres Kinoerlebnis bietet der neue Film von Christian Petzold.
Undine (Paula Beer) lebt in Berlin, arbeitet als Stadthistorikerin. Als ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz) mit ihr Schluss macht, teilt sie ihm lakonisch mit, dass sie ihn nun töten müsse. Kurz darauf 
begegnet sie dem Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski), die beiden verlieben sich Hals über Kopf.

Undine ist eine mythologische Figur, eine Nymphe, die mit ihrem Gesang die Männer verzaubert. Eine Seele erlangt sie nur, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt. Der Haken an der Sache: Untreue Gatten bringt sie um.

Christian Petzold dichtet den Mythos von der geheimnisvollen Wasserfrau zum modernen Märchen im heutigen Berlin um. Das funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut. Der Film hat zugleich etwas Traumhaftes und Realistisches. Paula Beer verleiht der Figur Undine mit wassergewellten Locken eine rätselhafte Aura. Und keiner kann so überzeugend den leicht tumben und gleichzeitig sensiblen Arbeiter spielen wie Franz Rogowski.

„Undine“ ist ein hintergründiger, aber seltsam spröder Liebesfilm. Insgesamt eher eine zarte Fingerübung, ein nicht uninteressantes Experiment.

FAZIT

Der etwas andere Berlinfilm. Paula Beer gewann den silbernen Bären für die beste weibliche Hauptrolle bei der diesjährigen Berlinale.

Deutschland 2020
90 min
Regie Christian Petzold 
Kinostart 02. Juli 2020

Weekly Update 03 – diesmal mit *unbezahlter Werbung

Im zweiten Stock übt das unbegabte Kind seit drei Stunden die Titelmelodie von „Der Herr der Ringe“ auf der Trompete. Wer wird heute zuerst einen Schreianfall bekommen, der Junge oder seine Mutter? Oben rollt die Psychologin Weinfässer durch die Wohnung. Das macht sie jeden Tag, oft bis 3 Uhr morgens. So laut, dass man kein Auge zu macht. „ZU“ ist übrigens das Un-Wort des Jahres. Alles ist zu, außer den Augen. Auch die Kinos sind weiterhin zu. Vielleicht muss Framerate bald „die 5 besten Science-Fiction-Filme auf Netflix“ oder kurz und knapp irgendwelche Serien besprechen. Bis es hoffentlich nie so weit ist, gibts erstmal weitere VoD Neuerscheinungen und Brot.

Brot? Ja KOMMA Brot! Das allerbeste Brot der Stadt kann man derzeit in „Die Weinerei“, einem charmanten Weinladen in der Veteranenstraße 17, Berlin-Mitte kaufen. Mehl, Salz, Hefe, Wasser und viel Liebe: Mehr Inhaltsstoffe braucht es nicht. Innen saftig weich, außen eine herrlich dunkle Kruste. Knurps, fünf Sterne! *

Zum Preis von etwas mehr als zwei Broten (9,99 €) kann man ab sofort den Berlinale Gewinner 2019 „Synonymes“ streamen und tut dabei auch noch Gutes: Grandfilm teilt den Gewinn 50/50 mit den wegen Corona geschlossenen Independent-Kinos, die bisher die Filme des Verleihers gezeigt haben. Und der bereits letzte Woche erwähnte Club Salzgeber erweitert ab 09. April sein Portfolio mit dem mexikanischen Film „This is not Berlin“. *

SYNONYMES

Schlechter kanns für Yoav kaum laufen: Die Wohnung, in der er unterkommen soll, ist komplett unmöbliert und leer. Weil es so kalt ist, nimmt er erst mal ein Bad. Kaum in der Wanne, werden ihm alle seine Sachen gestohlen. Tom Mercier spielt Yoav, einen unzufriedenen jungen Mann, der aus Tel Aviv nach Paris flieht, um dort ein neues Leben zu beginnen. Er will seine Wurzeln kappen, nichts soll ihn an seine Vergangenheit erinnern. Yoav weigert sich, auch nur ein einziges hebräisches Wort zu sprechen. Sein ständiger Begleiter ist ein französisches Wörterbuch. So kommuniziert er mit den verschiedenen Menschen, die seinen Weg kreuzen. Wie er mit seinem niedlich-debil-geilen Gesichtsausdruck, französische Vokabeln brabbelnd, durch die Straßen von Paris irrt, erinnert er fast ein bisschen an Trash-König Joey Heindle, der sich verlaufen hat. 

Ein Pluspunkt des Films ist sein trockener Humor. Nervig dagegen ist das unüberhörbare Rascheln der Drehbuchseiten. Das Verhalten der Figuren dient oft nur der Geschichte, wirkt dadurch artifiziell und zu gewollt. „Synonymes“ basiert auf den eigenen Erfahrungen von Autor und Regisseur Nadav Lapidist. Eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, manche geglückt, manche weniger. 

FAZIT

Die Berlinale-Jury entschied, „Synonymes“ sei der beste Films des Festivals 2019 und verlieh ihm den Goldenen Bären.

Originaltitel „Synonyms“
Frankreich / Israel / Deutschland 2019
123 min
Regie Nadav Lapid 
Ab sofort als VoD auf Grandfilms für 9,99 €

THIS IS NOT BERLIN

Ein Junge mit langen Haaren steht verloren inmitten einer heftigen Massenschlägerei. Der Blick geht ins Leere, er fällt in Ohnmacht. 

Mexiko City, 1986. Ein Außenseiter in der Schule, zu Hause nervt seine in Depressionen versunkene Mutter: der 17-jährige Carlos gehört nirgendwo richtig dazu. Das mit dem in Ohnmacht fallen ist zwar uncool, dafür ist er am Lötkolben ein Held. Der kleine Daniel Düsentrieb bastelt in seiner Freizeit die verrücktesten Maschinen zusammen. Als er den Synthesizer einer Band repariert und damit deren Auftritt rettet, wird er zum Dank mit in den angesagten Klub „Azteca“ genommen. Während ganz Mexiko der WM entgegenfiebert, entdeckt Carlos dort zusammen mit seinem besten Freund Geza die Welt der Subkultur: Video-Art, Punk-Performance, sexuelle Ambivalenz und Drogen. 
Klingt wie ein gewöhnliches Abendprogramm im Berlin der 80er Jahre. But this is not Berlin, it’s Mexiko! Wer hätte gedacht, dass es da vor 35 Jahren genauso wild und künstlerisch aufregend zuging, wie in der damals noch geteilten Hauptstadt? Die Underground-Kultur der Zeit haben Regisseur Sama und sein Kameramann Altamirano perfekt wieder zum Leben erweckt. Sexuell freizügige Nacktkunst-Aktionen und Jeder-mit-jedem-Herumgeschlafe sind erfrischend offen und unverklemmt inszeniert.

„This is not Berlin“ mischt sehr viel – ein bisschen zu viel – schräge Kunst mit einer etwas generischen Coming-Of-Age-Story über einen Jungen, dem die Augen für eine neue Welt geöffnet werden. Am Ende verstolpert sich die Handlung zu sehr in Klischees von Eifersucht und betrogener Freundschaft, das hätte es gar nicht gebraucht. Bis dahin ist „This is not Berlin“ ein unkonventioneller Film über Selbstfindung, Freundschaft, Liebe und das Erwachsenwerden.

FAZIT

Interessante Zeitreise in die 80er – wurde bereits auf mehreren Festivals ausgezeichnet.

Originaltitel „Esto no es Berlín“
Mexiko 2019
109 min
Regie Hari Sama
Spanische OF mit deutschen UT
Ab 09. April als VoD auf Club Salzgeber für 4,90 €

HIGHLIGHTS BERLINALE 2020 ● IRRADIÉS ● SHEYTAN VOJUD NADARAD

Das hat Framerate im Wettbewerbsprogramm 2020 am besten gefallen:
„Berlin Alexanderplatz“
„First Cow“
„Schwesterlein“ (schauspielerisch)
Und im Panorama:
„Shirley“
„Exil“

Der allgemeine Kritikerliebling „Never Rarely Sometimes Always“ war auch nicht schlecht, wenngleich die Rollenverteilung in grundböse Männer und gütige Frauen ein wenig zu plump war.

Das Fazit zur Berlinale: gleichbleibender Puls mit leichten Ausschlägen nach unten und nach oben.

Und sonst?
Aufgrund eines Betriebsausflugs ist es der Framerate-Redaktion leider nicht möglich, die letzten beiden Wettbewerbsbeiträge* zu sichten. Der Vollständigkeit halber gibt es wenigstens einen Copy/Paste-Auszug aus dem wie immer lyrischen Pressetext.
(*Nachtrag: NATÜRLICH hat „Sheytan Vojud Nadarad“ den goldenen Bären gewonnen, war ja klar…)

Schon am Montag, den 2. März geht’s bei Framerate mit „Der Unsichtbare“ weiter, einem sehr gelungenen Horrorthriller mit Elisabeth Moss.

IRRADIÉS

(Wettbewerb)

Pressetext: „Jede Tragödie ist einzigartig, doch die Wiederholung erzeugt jenes dumpfe Rauschen, vor dem es kein Entrinnen gibt. „Irradiés“ ist gemacht von Menschen, die körperliche und psychische Irradiationen von Krieg überlebt haben, und jenen ans Herz gelegt, die glauben, gegen solche immun zu sein.
„Irradiés“ ist kein Opus für die Kunstgalerie, sondern ein extremer, notwendiger Film, der mit unnachgiebiger Wucht in Auge und Herz dringt.“

Englischer Titel „Irradiated“
Frankreich / Kambodscha 2020
88 min
Regie Rithy Panh

SHEYTAN VOJUD NADARAD

(Wettbewerb)

Pressetext: „Die vier Geschichten, aus denen „Sheytan vojud nadarad“ besteht, sind Variationen über die Themen moralische Kraft und Todesstrafe. Sie fragen danach, bis zu welchem Grad individuelle Freiheit unter einem despotischen Regime und scheinbar unentrinnbaren Bedrohungen möglich ist. Mohammad Rasoulof verknüpft sie narrativ nur lose, dennoch sind sie auf unerschütterliche und tragische Art miteinander verbunden. Angesichts der organisierten Unterdrückung scheint es nur eine Wahl zu geben: zwischen Widerstand und Überleben. Trotzdem fordert uns jede der abrupt abbrechenden Geschichten auf, darüber nachzudenken, wie Männer und Frauen auch in solchen Situationen ihre Freiheit behaupten können.

Englischer Titel „There Is No Evil“
Deutschland / Tschechische Republik / Iran 2020
150 min
Regie Mohammad Rasoulof

RIZI ● CHARLATAN

Meist ist es ein älterer, korpulenter Herr im dunklen Mantel. Die Haare grau meliert, Schuppen auf den Schultern, Brille. Man steht vor dem noch verschlossenen CinemaXx, eingeklemmt zwischen hundert Wartenden. Es riecht nach ungelüftetem Wollpulli. Sobald sich die Türen öffnen, schiebt, drückt und drängelt der Mann, bis der Weg abgeschnitten ist. Auf der Treppe zum Saal bewegt er sich dann plötzlich zeitlupenlangsam – verständlich, denn die sms muss genau jetzt beantwortet werden. Das Ganze gibt es noch als Variation mit kleinwagengroßem Rucksack auf dem Rücken.

RIZI

(Wettbewerb)

Apropos älterer Herr: Achtung, SPOILER! Es folgt die komplette Handlung des Films „Rizi“.
Ein Mann hat Schmerzen. Er starrt in den Regen, nimmt ein Bad, geht zur Akupunktur. Ein jüngerer Mann bereitet in einem spartanisch eingerichteten Raum Speisen zu. Er putzt das Gemüse, heizt die Kohlen an.
Das alles wird in minutenlangen Einstellungen in Echtzeit gezeigt. Nach etwas 45 Minuten kommt Bewegung in die Sache. Allerdings nicht auf der Leinwand, sondern im Kino. Zuschauer flüchten aus dem Saal.
Der ältere Mann liegt inzwischen nackt auf einem Hotelbett. Der jüngere Mann massiert ihn. Man fragt sich besorgt, ob es eine 30- oder 90-Minuten-Behandlung wird. Dann, nach weiteren 10 Minuten der erlösende Schnitt. Ach nein, die Einstellungsgröße hat sich nur geändert, die Massage geht weiter, wird zum Happy End gebracht. Die beiden Männer gehen noch eine Kleinigkeit in einem Rote-Lampen-Laden essen. Das Leben geht weiter. Der Junge kocht Suppe, der Alte fotografiert Fische und schläft.

Nach 127 Minuten ein müder Interpretationsversuch: Einsamkeit in der Großstadt? Liebe ist käuflich?

Englischer Titel „Days“
Taiwan 2019
127 min
Regie Tsai Ming-Liang

CHARLATAN

(Berlinale Special Gala)

Ein bisschen Urin in einem Glas (transparent muss es sein!) gegen das Licht gehalten – und schon kann Jan Mikolášek eine Diagnose stellen. Ein paar Kräutermischungen zum Tee aufgebraut, Patient gesund, fertig! So ein Wunderheiler würde heutzutage Millionen verdienen, Mikolášek hat das Pech, in der Tschechoslowakei zur falschen Zeit zu leben. In den Jahren des Poststalinismus ist er den Machthabern ein Dorn im Auge, wegen eines konstruierten Verbrechens werden er und sein Assistent František vor Gericht gestellt.

„Charlatan“ erzählt zum einen die Lebensgeschichte eines Wunderheilers oder eben Scharlatans – kommt auf den Standpunkt an – und zum anderen eine Liebesgeschichte. Mikolášek und František waren beide mit Frauen verheiratet, führten aber jahrelang eine heimliche, homosexuelle  Beziehung.

Agnieszka Hollands Film ist ein konventionell gemachtes aber lehrreiches und halbwegs spannendes Biopic.

Tschechische Republik / Irland / Polen / Slowakische Republik 2020
118 min
Regie Agnieszka Holland